Die Verbindung zwischen Marpa Lotsawa Chökyi Lodrö und seinem berühmtesten Schüler, Jetsün Milarepa, ist eine der faszinierendsten und bewegendsten Meister-Schüler-Beziehungen im tibetischen Buddhismus. Marpa spielte eine entscheidende Rolle in Milarepas spiritueller Transformation – von einem jungen Mann, der schwarze Magie nutzte, um Rache zu üben, hin zu einem der größten verwirklichten Yogis Tibets.
1. Milarepas Suche nach einem wahren Lehrer
Jetsün Milarepa wurde in eine wohlhabende Familie geboren, doch nach dem Tod seines Vaters wurde er und seine Mutter von Verwandten um ihr Erbe betrogen. Auf Drängen seiner Mutter erlernte er schwarze Magie, um sich an diesen Verwandten zu rächen, und verursachte deren Tod durch übernatürliche Kräfte. Doch bald von Reue erfüllt, erkannte Milarepa die Schwere seines karmischen Fehlverhaltens und begab sich auf die Suche nach einem Lehrer, der ihm den Weg zur spirituellen Befreiung zeigen konnte.
Nach mehreren Begegnungen mit anderen spirituellen Meistern wurde ihm gesagt, dass nur Marpa Lotsawa fähig sei, ihn wahrhaftig zu lehren.
2. Marpas harte Prüfungen für Milarepa
Als Milarepa Marpa fand, erwartete er, dass der Meister ihn sofort unterweisen würde. Doch Marpa testete ihn über viele Jahre hinweg mit äußerst strengen Prüfungen. Er wies Milarepa wiederholt ab, beschimpfte ihn, stellte ihn vor immense körperliche Herausforderungen und ließ ihn mehrmals große Bauwerke errichten, die er dann wieder zerstören musste.
Diese scheinbar grausamen Prüfungen dienten jedoch einem tiefen spirituellen Zweck: Sie reinigten Milarepa von seinem negativen Karma, das er durch seine früheren Taten auf sich geladen hatte. Trotz enormen Leidens und tiefer Verzweiflung gab Milarepa nicht auf und bewies so seine absolute Hingabe an den Lehrer und den Dharma.
3. Die spirituelle Übertragung
Nachdem Marpa sich sicher war, dass Milarepa gereinigt und bereit war, übertrug er ihm schließlich die tiefgründigen Lehren des Mahamudra und der sechs Yogas von Naropa. Marpa sah in Milarepa seinen würdigsten Schüler und gab ihm die volle Übertragung seiner Linie.
Milarepa zog sich daraufhin für viele Jahre in abgelegene Berge zurück und widmete sich intensiver Meditation. Seine Praxis führte ihn zu höchster Verwirklichung, und er wurde zum berühmtesten Heiligen und Yogi Tibets.
4. Marpa und Milarepa – Eine Meister-Schüler-Legende
Die Beziehung zwischen Marpa und Milarepa ist eine der eindrucksvollsten Lehrer-Schüler-Geschichten in der buddhistischen Welt. Sie zeigt, dass ein wahrer spiritueller Lehrer nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch die tiefsten Hindernisse in der Psyche eines Schülers auflöst, oft durch harte Prüfungen.
Marpa war nicht nur ein großer Übersetzer buddhistischer Lehren, sondern auch ein weiser und unnachgiebiger Lehrer, der genau wusste, was Milarepa brauchte, um die höchsten spirituellen Stufen zu erreichen. Ihr Vermächtnis lebt in der Kagyü-Tradition bis heute fort.
